Unsere Geschichte
Der Kirchenchor St. Sebastian entsteht
Die Anfänge des Kirchenchores "St. Sebastian" liegen im Dunkel. Durch die Zerstörungen des Ortes Neuthard im 17. Jahrhundert sind die Tauf-, Heirats-, Sterbe-und Rechnungsbücher des Heiligenfonds der Pfarrei erst ab dem Jahre 1700 heute noch erhalten.
Im ersten Band des Heiligenfonds aus dem Jahr 1700 findet sich der Eintrag: "§ 10 Ausgaab Geld zu Zehrung ergangen: 6 kr Dem Schulmeister, Kreuz- und Fahnenträger, Sänger und Sängerinn, als man mit der Prozession nach Waghäusel gegangen altem Herkommen nach geben." Auf der nächsten Seite steht ein weiterer Hinweis: "1 fl 3 kr Alter Gewohnheit nach Sänger und Sängerinn das Jahr durch in den Kirchen und bei den Prozessionen Zehrung geben."
Diese Eintragungen belegen das Bestehen eines Kirchenchores. Die Worte "Sänger und Sängerinn" sind - wie die Eintragungen der nachfolgenden Jahre belegen - als Mehrzahl zu verstehen. Gleichzeitig weist der damalige Heiligenpfleger Jakob Geißler, der 1725 - 1732 auch "Anwalt", d.h. Bürgermeister war, dass dieses "Zehrgeld nach altem Herkommen" für den Dienst des Kirchengesangs bezahlt wurde. So bestand sicher schon vorher ein Kirchenchor in Neuthard; eine schriftliche Urkunde liegt jedoch erst ab dem Jahr 1700 vor.
Über die Tätigkeit des Kirchenchores erfahren wir mehr im "Status der Pfarrei Neuthard" aus dem Jahr 1747, den Pfarrer und Dekan Adam Hebenstreit handschriftlich verfasst hat und in Leder einbinden ließ. Auf den Ablauf des Kirchenjahres eingehend schreibt er:"Eine viertel Stund vor dem Gottesdienst wird zusammengeläutet, damit zur rechten Zeit das Volk beisammen sein könne. Nach der Weihung des Weihwassers geht man unter Absingung des Asperges zum Beinhaus, jedoch nur auf ordinäre Sonntäg, wo der Psalmus de profundis mit gewöhnlicher Collecta cursieret wird. Im Rückweg wird vom Chor gesungen Salvator mundi ex libro Chorali." Daraus geht hervor, dass der Chor ein eigenes Chorbuch zur Verfügung hatte.
Auch am Nachmittagsgottesdienst der Sonn- und Feiertage war der Kirchenchor beteiligt:"An Feiertägen wird die Vesper gesungen oder eine Betstunde gehalten, aber allezeit christliche Lehr. Nach der christlichen Lehr, dann die Antiphon B de tempore abgesungen, dann dreimal Ave Maria von den Chorbuben intonieret, welche Chorus prosequieret und der Segen gegeben.
Mit den Chorbuben sind die Schüler des Lehrers gemeint, der neben seinem Schuldienst auch die Leitung des Chores auszuüben hatte. Die Buben stimmten also das Ave Maria an und dann stimmte der Kirchenchor ein.
Pfarrer Hebenstreit schreibt weiter:
"Die Cassa Ecclesiae ( = Kirchenkasse) zahlet jährlich post festum Corporis Christi (= Fronleichnamsfest) ½ Ohm (=75 Liter) Singwein und etwas Weck dazu den Singern und Singmädchen; doch dürfen die Mädchen den ihnen zukommenden Wein nicht mehr in der Wirtschaft trinken, weilen Jungfrauen nit in die Wirtschaft gehören." Während die Männer oft bis ins hohe Alter im Kirchenchor sangen, durften nur unverheiratete Mädchen im Chor mitsingen. Sobald sie heirateten, schieden sie aus. Erst Pfarrer Scherrer veranlasste im Jahr 1957, dass auch verheiratete Frauen im Kirchenchor verbleiben und mitsingen durften.
Die alte Kirche von 1602 hatte keine Empore. Deshalb war der Kirchenchor seinem Namen gerecht im Chorraum untergebracht. Dazu schreibt Pfr. Hebenstreit: "Übrigens, wo die Singer im Chor zu stehen pflegten, hat der Heilige(=Heiligenfond) deren Stühl zu besorgen und anzuschaffen." Diese Kirche in Ost-West-Richtung war ein einfacher, rechtwinkliger Bau. Der Altarraum war nur durch eine verstellbare Kommunionbank abgegrenzt, die man "pro libitu"(=nach Belieben) verstellen konnte.
Mitgliederlisten des Kirchenchores gibt es erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts. Ein Bittgesuch um Erhöhung des Sängergehalts "an das Wohllöbliche Stiftungskommission dahier" vom 28.Sept. 1878 habeninsges. 10 Sänger und14 Sängerinnen unterzeichnet. Das Bittgesuch wurde so begründet: "indem gegenwärtig der 4-stimmige Kirchengesang sehr häufig eingeübt, somit auch sehr viel Mühe und Zeitaufwand in Anspruch nimmt." Der Antrag wurde mit Datum 3. Januar 1879 vom Stiftungsrat genehmigt.
Ein weiteres Gesuch des Kirchenchores vom 17. März 1903 beantragt, dass jeder Sängerin und jedem Sänger jährlich zehn Mark in der Regel am Sebastianusabend als Zehrgeld ausbezahlt werden. Für die "Echtheit dieses Gesuchs" unterzeichneten 10 Sänger und 12 Sängerinnen.
Präses des Kirchenchores war seit Bestehen bis zum heutigen Tag der jeweilige Ortspfarrer, der zusammen mit dem jeweiligen Schullehrer, der Chorleiter und seit 1749 auch Organist war, und den älteren Männern die Vorstandschaft bildete. Erst seit 1947 wurde eine Vorstandschaft von den Mitgliedern des Kirchenchores gewählt. Erster Vorsitzender war Karl Anton Storck, später Ehrenvorstand. Ihm folgten Gabriel Schäfer, Dieter Reger, Ewald Bohn und 1985 Helmut Bellm. 2011 übernahm Thomas Kilthau das Amt des 1. Vorsitzenden und ernennt Helmut Bellm zum Ehrenvorsitzenden. Die Gesangsproben des Kirchenchores wurden in früherer Zeit im Schulhaus in der Kirchstraße abgehalten. Nachdem 1911 der kindergarten mit Schwesternhaus in der Friedhofstraße gebaut war, verlegte man die Singstunden dorthin. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ Pfarrer Krems die Pfarrscheune in ein Jugendheim umbauen, wo dann auch der Kirchenchor unterkam. Seit 1978 hat der Kirchenchor im neu errichteten Pfarrheim "St. Bernhard" in der Marienstraße einen eigenen Probenraum.
Seit alters her feiert der Kirchenchor das Patrozinium des Kirchenpatrons Sebastian mit seinem Sebastianusabend. Die Sängerinnen und Sänger erhalten an diesem Abend für ihren Dienst im Verlauf des Kirchenjahres ein kostenloses Essen. Der Abend wird gestaltet mit Reden, Ehrungen, Liedvorträgen, Theaterstücken, Sketches, Gedichten und Tanz. Dazu waren immer auch der Pfarrer als Präses, die Stiftungsräte und der Bürgermeister eingeladen. Neuerdings gehören auch der Präses der Pfarrei St. Jakobus Karlsdorf, der Pfarrei St. Bartholomäus Büchenau wie auch die jeweiligen Vorsitzenden der beiden Kirchenchöre dazu, um die Zusammengehörigkeit in der Seelsorgeeinheit zu pflegen.
Neben der Mitgestaltung der Gottesdienste an Fest- und Feiertagen kommt auch die Geselligkeit im Chor nie zu kurz. Tagesausflüge in die nähere und weitere Umgebung, alle zwei Jahre ein Drei-Tages- oder Vier-Tages-Ausflug ins In- und Ausland, Grillfeste und auch Faschingsabende werden durchgeführt. Ebenso ist die Teilnahme des Kirchenchores bei epochalen Jubiläumsfesten der Ortsvereine eine Ehrensache.
Wie oben schon ausgeführt leiteten stets Lehrer der Gemeinde den Kirchenchor. Ab 1941 war Schwester Agnese Chorleiterin und Organistin in Neuthard. Sie dirigierte den Chor bis 1974, also 33 Jahre, und spielte bis zur Auflösung der Schwesternstation 1989, demnach 48 Jahre, die Orgel. Ihr folgte als Chorleiter Rudolf Reger, der 1999 sein 25-jähriges und 2004 sein 30-jähriges Dirigentenjubiläum feierte.
Der Kirchenchor ist Mitglied im Diözesancäcilienverband der Erzdiözese Freiburg. Anlässlich seines 285-jährigen Bestehens erhielt der Chor 1985 die Palestrina - Medaille verliehen.
Immer wieder sang und singt der Kirchenchor Messen und andere kirchenmusikalische Werke mit Orgelbegleitung. 1988 wurde die unter Denkmalschutz stehende Voit-Orgel mit einem hohen Kostenaufwand von der renommierten Orgelbaufirma Steinmeyer aus Oettingen total restauriert und seither jährlich zweimal gestimmt. Seit 1968, zunächst als zweiter Organist, 1989 als erster Organist übernahm Roland Hehl den Organistendienst in Neuthard. Daneben fungierte Anita Bellm, geb. Hehl seit 1965 als Aushilfe beim Orgelspiel. 1992 kamen Silke Schäfer und Rudi Isack sowie 1995 der damals zwölfjährige Markus Bellm als Organisten hinzu, wobei Letzterer gerade bei größeren Werken sein Orgelspieltalent unter Beweis stellt.
Quelle: Roland Hehl (geringfügig verändert durch Rudolf Reger, im Oktober 2007)
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